Auf dem Gipfel des Wudangshan

All zuviel Spektakuläres gibt es momentan gar nicht zu berichten – und das ist auch gut so. Nach einer Fülle von Eindrücken in den letzten Wochen, nutze ich die Zeit auf dem Berg, um das Erlebte zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen. Außerdem habe ich einen dritten Anlauf unternommen, eine passende Kung-Fu-Schule zu finden. Diese Schule befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Purpurnen Wolkenpalast. Sie ist recht groß und wird staatlich geführt. Das heißt es gibt einige junge Trainer (Meister kann man sie nicht nennen), die bisweilen recht demotiviert unterrichten. Allerdings gibt es eine Health Class, wo ausschließlich Tai Chi gelehrt wird. Insofern ist es für mich die beste Alternative, um auf dem Berg eine Form zu erlernen.

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Wenn man so möchte, gab es in den vergangenen Tagen dann aber doch ein kleines Highlight: die Gipfelwanderung. Früh am morgen bin ich von meinem „Basislager“ aus aufgebrochen, um den Aufstieg möglichst vor dem Touristenstrom zu absolvieren. Obwohl tatsächlich recht wenige Besucher unterwegs waren, wurde ich des öfteren daran erinnert wo ich mich befinde. Über das Spucken der Chinesen habe ich ja schon berichtet. Eine weitere Eigenart ist es, dass sie sich gerne sehr lautstark unterhalten. Ein Zentraleuropäer empfindet dies jedoch eher als Schreien. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle wo sie sich gerade befinden. Im Aufzug, auf der Toilette, im Bus, in der Stadt oder eben mitten in der Natur. Häufig schreien sie in ihr Handy – es könnte ja die Verbindung schlecht sein – oder eben einfach nur so. Da ist man also am frühen Morgen relativ alleine auf dem Berg unterwegs, hört aber die wenigen Chinesen schon aus weiter Entfernung. Vielleicht sind sie es ja einfach nur nicht gewöhnt, einmal so wenige Menschen um sich herum zu haben. Wenn jeder schreit, kann man sich gewiss sein, dass man nicht alleine ist.

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kommt leider auf dem Bild nicht raus, aber er hat geschimpft wie ein Rohrspatz
Es kommt leider auf dem Bild nicht raus, aber er hat geschimpft wie ein Rohrspatz!

Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch, wie ich mit Benjamin, dem deutschen Meisterschüler von Meister Wang, in der Stadt unterwegs war. Wie an einem Straßenrestaurant gerade die Bedienung nicht da war, fängt er plötzlich wild an auf chinesisch nach ihr zu schreien. Er erklärte mir, das sei in China genauso normal, wie sich mindestens einen langen Fingernagel wachsen zulassen, um diesen als Werkzeug für alles Mögliche zu gebrauchen, oder den Schlüsselbund mit dem Ring seitlich an der Hose zu tragen. Wichtigstes Accessoire ist dabei der Ohrenschmalzentferner! Jedenfalls ist es gar nicht unhöflich wild nach der Bedienung zu schreien. Am abartigsten finde ich aber den Drang, sich die Haare aus Warzen so lang wie möglich wachsen zu lassen. Das scheint hier wohl so eine Art Schönheitsideal zu sein. Diese Haare im Gesicht können dann schon mal so lang werden, dass man fast einen Zopf daraus flechten könnte. Vielleicht kompensieren sie dadurch aber auch nur ihren minderwertigen Bartwuchs!

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Man kann ja schon behaupten, ich hätte mich dieser Gipfelbesteigung sehr respektvoll angenähert. Zunächst habe ich eine Woche am Fuße des Berges verbracht, ohne ihn zu betreten. Einen Monat später, habe ich mir knapp eine Woche Zeit gelassen um Stück für Stück der Spitze zu nähern. Abgesehen von den schreienden Chinesen, war der Aufstieg sehr schön und bei weitem nicht so herausfordernd wie der Hua Shan (siehe dort). Und wie für einen Chinesischen Berg üblich, ist der komplette Weg gepflastert und mit unzähligen Treppen versehen. Wer aber keine Treppen steigen möchte, kann auch hier entweder die Seilbahn benutzen oder sich in einer Sänfte von zwei Männern hochtragen lassen. Ich kann nicht verstehen, wie man den Aufstieg genießen kann, während die Träger ächzend Stufe für Stufe nehmen. Aber für manch einen Chinesen scheint dies ein erhabenes Gefühl zu sein.

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Oben angekommen, trift man typischerweise auf eine Schar von Touristengruppen, die den direkten Weg über die Seilbahn genommen haben. Auf dem Gipfel befindet sich eine weitere Tempelanlage, das Kloster zur Goldenen Halle. Es wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts zu Ehren Zhenwus – dem vollkommenen Krieger – erbaut. Nachdem Zhenwu 42 Jahre in den Wudang Bergen trainiert hat, soll er der Legende nach, dort Unsterblichkeit erlangt haben. Dies ereignete sich nachdem er bei seinen Übungen auf einem Felsvorsprung von einer Frau gestört wurde. Er reagierte zunächst verärgert über diese Störung und schüchtert sie ein. Dabei strauchelt die schöne Frau und stürzt in die Tiefe. Selbstvergessen und die Folgen seiner Handlung erkennend, springt er hinterher um sie zu retten. In diesem Moment soll er zum Gott geworden sein.

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Die komplett vergoldete Halle auf der Spitze des Berges ist das größte Bronzebauwerk ganz Chinas. Sie wiegt 90 Tonnen, wurde in Peking gefertigt und bis auf den Berg transportiert. Verantwortlich für den Bau war der Ming Kaiser Yongle. Er hielt sich für eine Reinkarnation Zhenwus und ließ nach Fertigstellung der Verbotenen Stadt in Peking in nur 13 Jahren, unter Einsatz von 200.000 Soldaten und Arbeitern, über 100 Paläste und Klöster und Tempel errichten.

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die goldene Halle
die goldene Halle
die goldene Halle
die goldene Halle

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