Auf nach Indien!

Da bin ich nun, im Zug von Wundangshan nach Wuhan, und trete meine lange Reise nach Indien an. Morgen geht es von Wuhan wieder zurück nach Guangzhou, und von dort mit dem Flieger in der Nacht nach Delhi. Acht aufregende Wochen in China liegen hinter mir. Eine Zeit vollgepackt mit Eindrücken unterschiedlichster Art. Angefangen von der Ankunft in Peking, dem ersten Abenteuer in Xi’an, der ersten Woche in der Kung Fu Schule, der Famulatur in Wuhan und Guangzhou, über den Trip nach Guilin und schließlich noch der Intesivierungsphase in Wudang. Laut Google Maps habe ich insgesamt 7400 km zurückgelegt. Ich habe wirklich zahlreiche Facetten dieses vielfältigen Landes kennengelernt. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, diese Erlebnisse zu verarbeiten – und dabei ist die Reise ja noch lange nicht zu Ende.

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Die letzten Tage, habe ich den Akku in den Bergen aufgetankt. Inzwischen habe ich auch die untouristischen Ecken gefunden und täglich aufgesucht. So habe ich z.B. eine Wanderung durch den Dschungel zum 5-Drachen-Tempel unternommen. Dies ist der Tempel, den ich letzte Woche vergeblich versucht habe mit dem Auto zu erreichen. Außer ein paar Arbeitern, die unermüdlich jeden Meter Weg pflastern bzw. mit verzierten Betonsteinen auslegen, war ich ganz alleine unterwegs. Anscheinend soll dieses Kloster in Zukunft auch in das große Tourismuspaket aufgenommen werden. Die Anlage jedenfalls ist recht verfallen und wird gerade renoviert. Dies lässt aber erahnen wie der Rest des Berges heute aussehen würde. Hinter dem Tempel wird zudem eine große Zufahrtsstraße gebaut.

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Ein Handwerker führt mir diese Babyschildkröte vor
Ein Handwerker führt mir diese Babyschildkröte vor.

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Eine weitere Wanderung führte mich durch das „Sorgenfreie Tal“. Hauptattraktion am Beginn sind die dortigen Affen. Damit auch jeder Tourist garantiert einen Affen zu Gesicht bekommt, werde ein paar Exemplare an der kurzen Leine am Baum gehalten. Dies an sich ist ja schon schrecklich anzusehen. Aus Sicht der Tier muss der Titel des Tals wie reiner Sarkasmus klingen. Wie ich gestern am Abend dort vorbei kam, wurden die Affen an der Leine abgeführt – wahrscheinlich um in einen Käfig gesperrt zu werden. Mit einer Peitsche auf den Boden knallend befreite ein selbstgefälliger Möchtegerndompteur einen Affen vom Baum und forderte ihn anschreiend ein ums andere Mal auf, Kunstsprünge für die Zuschauer zum Besten zu geben. Da ich diesem bemitleidenswerten Menschen keine Bühne geben wollte, habe ich selbstverständlich darauf verzichtet, hiervon Bilder zu machen und mich stattdessen auf die freilebenden Affen konzentriert.

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Zugreisen in China funktionieren etwas anders als in Deutschland. Zunächst einmal muss man rechtzeitig am Bahnhof sein, um in den Zug steigen zu können. Nach einer Sicherheitskontrolle wie am Flughafen, betritt man den Wartebereich. Von hier wird man eine Viertelstunde vor Zugabfahrt nach einer weiteren Kontrolle auf den Bahnsteig gelassen. Dafür hatten meine Züge bislang jedoch keine Minute Verspätung! Im Zug selbst hat man zugewiesene Sitzplätze (wie übrigens auch im Reisebus). Da die Wartehalle eben zu bersten voll war, habe ich befürchtet in einen übervollen Zug zu steigen. Entgegen meiner Erwartungen ist mein Abteil aber relativ leer. Als ich meinen Sitzplatz gefunden habe, habe ich zunächst einmal meinen großen Rucksack auf die Ablage gewuchtet. Mein Sitznachbar schien von meiner Anwesenheit nicht sehr begeistert zu sein. Neben einem unfreundlichen Blick hat er jedenfalls nicht mehr für mich übrig. Auch die uniformierte Chefreinigungsdame vom Dienst – sie trägt eine Uniform, wischt ständig feucht den Gang und achtet auch sonst mit finsterer Miene auf jedes noch so unwichtige Detail – hat heute wohl keinen guten Tag erwischt. Jedenfalls beschwerte sie sich über mein nicht ordnungsgemäß verstauten Rucksack. Also musste ich ihn einige wenige Zentimeter zurecht rücken, bis sie zufrieden war.

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Wudang ist auch bekannt für seinen Teeanbau.
Wudang ist auch bekannt für seinen Teeanbau.

Schnell diffundierten alle Reisenden von ihren Sitzen zu freien Abteilen um sich hinzulegen. Die Idee fand ich super, schnappte meinen Rucksack und belegte das letzte freie Abteil. Dies ist meiner Aufpasserin nicht entgangen. Sofort forderte sie mich auf, meinen kleinen Rucksack oben in die Ablage zu legen. Dies stellte sie jedoch immer noch nicht zufrieden. Ich sollte zudem meinen großen Rucksack, ein paar Sitze entfernt, ebenfalls von der Ablage herbringen. Ich versuchte ihr klar zu machen, wie schwer dieser sei und wie stolz ich bin, ihn so ordentlich verstaut zu haben. Aber sie kannte kein Erbarmen, kontrollierte erst einmal mein Zugticket nach und forderte mich abermals mit militärisch strengem Blick auf, den Rucksack zu holen. Eingeschüchtert habe ich nachgegeben und ihn dabei übertrieben schwer über den Gang getragen. Überraschenderweise musste ich ihn diesmal aber quer auf die Sitzbank legen.

Es soll ja Menschen geben, die kein Vogelgezwitscher oder smogfreie Luft kennen...
Es soll ja Menschen geben, die kein Vogelgezwitscher oder smogfreie Luft kennen…
...Da bietet es sich doch an, sich großzügig an der Sauerstoffbar zu bedienen!
…Da bietet es sich doch an, sich großzügig an der Sauerstoffbar zu bedienen!

Inzwischen gesellte sich ein weiterer Zugbegleiter hinzu und war ganz fasziniert von meinem riesigen Rucksack. Da ich froh war, der Bissgurke nun nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein, führte ich ihm das Prachtstück vor. Stolz wie Oskar war er, als er ihn sogar aufsetzen durfte. Im Anschluss setzte er sich schwer von dessen Gewicht beeindruckt neben den Rucksack und inspizierte diesen streichelnd, jedes Detail. Unterdessen zog das Schauspiel einen Jüngling an. Ob er sich neben mich setzen dürfe, bewies er freudestrahlend seine Englischkenntnisse? Was soll ich darauf antworten? „Nein! Ich habe mich eben von meinem unfreundlichen Nebenmann verabschiedet, um mich hier wie alle anderen auch breit zu machen, die Füße hoch zu legen und etwas zu entspannen!!!“ „Ja, klar setzt dich“, gab ich zurück. Nun waren wir schon zu viert im Abteil. Der Schaffner, der Jüngling, ich und mein toller Rucksack. Die Oberreinigungskommandantin hat sich mittlerweile verzogen. So wurde ich wieder einmal ausgequetscht, wie toll ich das Land finde, wie toll ich Kung Fu finde etc. Außerdem sei ich ja sooo freundlich und würde so gesund aussehen (!?) … „Für einen Chinesen siehst du auch NOCH relativ gesund aus“ hätte ich am liebsten zurück gegeben.

Karate Kid Fans werden sich erinnern!
Karate Kid Fans werden sich erinnern!

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Nachdem der Schaffner jede Faser meines Rucksackes geprüft hatte, musste er wieder an die Arbeit. Ich stellte mich zunehmend müder – das Kung Fu Training war so anstrengend… – und wurde den Jüngling irgendwann doch wieder los, da er zu seinen Eltern zurück musste. Stattdessen hat im Abteil hinter mir nun jemand seinen Lautsprecher ausgepackt. Ich weiß nicht was das für Dinger sind. MP3-Player, Radio, CD-Spieler…? Jedenfalls besteht es im Wesentlichen aus einem taschenbuchgroßen Billiglautsprecher. Dieser ist aber in der Lage den ganzen Wagon mit Dudelmusik zu beschallen. Daneben starrt mir nun die ganze Zeit ein ein neugieriges Kind über die Schulter auf den Bildschirm, während meine diktatorische Reinigungskraft mit Handschuhen und einem Müllsack bewaffnet, unentwegt durch den Zug patrouilliert.

Big Brother is watching you! Hier von einem Plastikbaum.
Big Brother is watching you! Hier von einem Plastikbaum.

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Ja, ich bin auf dem Rückzug aus China. Trotz der vielen anstrengenden Situationen, war es eine wirklich tolle Zeit. Ich habe viele nette Menschen kennen gelernt und bezaubernde Orte bereist. Ich bin mir sicher in Indien wird es garantiert nicht leiser, weniger anstrengend oder unchaotischer. Dafür aber bestimmt bunter und komplett anders!

3 Kommentare


  1. ·

    Servus Hannes,
    ich wünsche dir eine gute Reise nach Indien und ein paar super letzte Eindrücke von China! Genieße die letzten Wochen deiner Reise dann noch mal richtig! Grüße aus dem kalten und verregneten Deutschland.

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  2. ·

    Hallo Hannes,

    wünsch dir auch eine gute Reise und euch beiden eine tolle Zeit in Indien!

    Liebe Grüße
    Helga

    Antworten

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