Die Rückkehr nach Wudangshan

Vor kurzem habe ich in einem Buch von einer tibetischen Redensart gelesen. Sie besagt, dass man seinen Meister immer mindestens drei Täler von seinem Wohnort entfernt suchen muss. Damit sollen die Mühen bei der Suche zum Ausdruck gebracht werden. Schließlich gelangt man nur über den Gipfel in das nächste Tal. Meine eigene Suche sollte sich auch schwieriger gestallten, als erhofft.

Am Samstag Nachmittag bin ich mit dem Bus wieder in Wudangshan gelandet, wo ich vor ca. einem Monat schon für eine Woche gewesen bin. Diese Zeit habe ich etwas außerhalb der Stadt in der Schule von Meister Wang verbracht (siehe dort). Allerdings wollte ich nicht nur am Fuße des Berges bleiben, sondern auch die außergewöhnliche Natur erleben. Daher habe ich mich an eine andere Schule auf dem Berg gewandt, um diese ein paar Tage zu testen. Wie vereinbart wurde ich von Meister Chen Shiyu und einem ausländischen Schüler vom Bus abgeholt. Anstatt wie vorgesehen den ganzen Weg hoch zu fahren, sind wir allerdings sehr bald abgebogen und zu einer etwas abseits gelegenen Schule gefahren.

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Durch meine Internetrecherche im Vorfeld war mir bewusst, dass es in Wudang viele schwarze Schafe gibt, die nur auf Kung-Fu-Touristen wie mich warten. Trotz dieses Vorwissens ist es aber fast unmöglich so etwas auszuschließen, da es relativ wenige aktuelle Erfahrungsberichte gibt und sich jede Schule auf der eigenen Webseite bestens präsentiert. Anscheinend wurde ich von der ursprünglich angeschriebenen, größeren Schule einfach an diese kleine weitervermittelt. Dennoch war mir der Meister von Anfang an sympathisch. So ließ ich mich auf das Experiment ein und buchte die Schule für 3 Tage.

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Die Schule liegt sehr idyllisch am Anfang des Berges in einer kleinen Senke. Der Schlag traf mich allerdings als ich in mein Zimmer geführt wurde. Da die Schule sehr klein ist und alle Zimmer in der Schule schon belegt waren, wurde ich zu einem Quartier ca 100 m entfernt gebracht. Der Weg dorthin, führte mitten durch einen benachbarten Bauernhof. Ich weiß nicht wie lange dieser Schuppen nicht bewohnt wurde. Jedenfalls war es extrem dreckig, verstaubt und modrig. Da half es auch nicht, dass kurzerhand ein chinesischer Schüler zusammen mit der Köchin zum Putzen abkommandiert wurde. Die erste Nacht dort war die schlimmste. Harte Betten bin ich ja mittlerweile gewöhnt. Dieses bestand jedoch nur aus einem Gestell, einer Bambusmatte und einer ziemlich verranzten Unterlage. Der Härtegrad lag also irgendwo zwischen schlechter Isomatte und Steinboden. Zudem hat ein Hund auf dem Bauernhof bis tief in die Nacht im 10 Minutenrhythmus einen Bellanfall bekommen.

"mein Haus"
„mein Haus“
mein Bett
mein Bett

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der Bauernhof
der Bauernhof

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der Bauernhof
der Bauernhof

Das Training in der Schule war sehr relaxt – passend zum Naturell des Meisters. Egal was er tat, er wirkte immer sehr tiefen-entspannt. Gemeinsam mit einer fast zeitgleich angereisten Türkin, wollte er uns Tai Chi lehren. Während in meiner ersten Schule von früh bis spät gemeinsam mit den anderen Chinesen eisern trainieren wurde, kam er hin und wieder zu uns und zeigt uns eine neue Übung. Oder besser gesagt, er wiederholte mit uns alte Übungen. In den drei Tagen bekamen wir nämlich noch keine Form gezeigt, sondern gerade mal fünf Vorbereitungsübungen. Diese durften wir in einem schönen Hinterhof stundenlang einschleifen. Untermalt wurde das Ganze vom Geplätscher eines künstlichen Wasserfalles und traditioneller Musik. Das Highlight des Tages war die Pause am Vormittag. Fröhlich verkündete er täglich: „It’s tea time!“ Dazu gingen wir in seinen kleinen Tempel / Meditationsraum. An einem kunstvoll verzierten Teetisch sitzend, zelebrierte er eine vollkommene Teezeremonie und kredenzte uns hochwertige Tees.

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Meister Chen Shiyu kalligrafiert mir ein Abschiedgeschenk
Meister Chen Shiyu kalligrafiert mir ein Abschiedgeschenk

Die Mittagspausen nutze ich, um nahe gelegen Tempel zu besichtigen. Der Purpur Wolkenpalast wurde in der Ming-Dynastie in der Zeit im 15. Jahrhundert erbaut und ist die größte Tempelanlage im Gebirge. Sie gilt als Meisterwerk des Feng Shui. Harmonisch schmiegen sich die Gebäude in die Umgebung ein. Wie auch die verbotene Stadt in Peking befindet sich der Berg im Rücken und ein Wasserlauf am Eingang.

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Ein weiterer Tempel ist dem taoistischen Gott Zhenwu gewidmet. Der Legende nach soll der junge Prinz nach 4 Jahren Training in den Wudang Bergen zunächst aufgegeben haben. Auf seinem Weg ins Tal, soll er einer als alten Frau verkleideten Göttin begegnet sein, die eine Eisenstange an einem Stein schliff. Auf die neugierige Frage des Prinzen was sie da tue, antwortete die Frau, sie mache eine Nähnadel. Auf die irritierte Nachfrage erklärte die Frau, wenn eine Eisenstange zu einer Nähnadel werden kann, wäre alles möglich. Diese Weisheit inspirierte den Prinzen, so dass er sich entschloss sein Training in den Bergen fort zu setzten. Wie die Geschichte weiter geht und aus Zhenwu ein Gott wurde, werde ich das nächste Mal erzählen. (-:

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Die Begegnung des jungen Zhenwu mit der Göttin
Die Begegnung des jungen Zhenwu mit der Göttin

Auch ich wollte nach der ersten Nacht die Schule am liebsten sofort verlassen, hielt die geplanten drei Tage dann aber durch. Anschließend machte ich mich auf, um in die Schule von Meister Wang im Tal zurück zu kehren. Meine Vorstellung war die nächsten zwei Wochen in der Schule zu verbringen und die freien Tage zu nutzen um auf den Berg zurück zu kehren. Nach dem ersten Training am Nachmittag war ich jedoch etwas frustriert. Zwar ist die Perfektion Meister Wangs Bewegungen tief beeindruckend. Seine Bewegungen in kurzer Zeit zu erlernen ist aber sehr schwierig. Hinzu kommt, dass er sich nicht für ausländische Schüler verbiegt, sondern an seinem ganzheitlichen Training festhält. Das heißt man bekommt nicht wie wo anders den ganzen Tag eine Form gelehrt, sondern trainiert das komplette Kung-Fu-Programm. Das macht seine Schule zwar sehr authentisch, ist für meine Situation aber nicht perfekt. So musste ich mir eingestehen, dass ich weder viel Zeit auf dem Berg verbringen würde, noch das trainieren kann was mir am Herzen liegt. Aus diesem Grund entschied ich mich die Schule nach nur einem Tag wieder zu verlassen und zunächst in ein Hotel auf dem Berg zu ziehen.

1 Kommentar


  1. ·

    Hi Hannes,

    du hast ja jetzt schon unglaublich viel erlebt! Wünsche dir, dass du in den nächsten Tagen eine bessere Unterkunft und weiterhin eine tolle Zeit hast,
    liebe Grüße Helga

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