Einmal quer durch den Bundesstaat Karnataka

Knapp drei Monate ist es her, dass ich den Flieger in Frankfurt bestiegen habe. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, da sich meine große Asienreise ihrem Ende neigt. Wir befinden uns auf der letzten Etappe unsere Tour de India. Und genauso wie bei der Tour de France ist dieser Abschnitt nur noch ein lockeres Ausrollen. Von Gokarna geht es knapp 100 km nördlich die Küste entlang nach Goa, von wo wir morgen früh über Delhi wieder nach Frankfurt fliegen. Als Transportmittel haben wir wegen der direkten Verbindung den Zug gewählt. Entgegen unserer Informationen besitzt dieser Zug aber keine Klasseneinteilung. Es gibt nur eine Klasse für alle Passagiere. Dafür kostet das Ticket für die zweieinhalb Stunden Fahrt inklusive Erlebnis gerade mal 25 Rupien pro Nase (ca. 30 ct!!!).

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Als letzten Beweis unserer Indientauglichkeit haben wir also voll gepackt mit zwei großen Reiserucksäcken, zwei normalen Rucksäcken und zwei Taschen den voll besetzten Zug bestiegen. Mittlerweile konnten wir das Gepäck vernünftig verstauen und haben sogar einen Sitzplatz ergattert. Gemütlich tuckert der Zug durch die Prärie. Klimaanlage gibt es keine. Dafür sind Türen und Fester geöffnet und die Decke mit unzähligen Ventilatoren bestückt. Davon scheinen aber nur 10 Prozent mit einem leiernden Quietschton zu funktionieren. Im Wagon sitzen viele Familien, teils Hindus, teils Moslems. Hin und wieder wird der quietschende Ventilator von Kindergeschrei übertönt. Alle paar Minuten kommt ein Chai- und Snackverkäufer durch den Zug gelaufen und preist lauthals seine Produkte an.

Gegen Ende der Fahrt wurde der Zug zum Glück etwas leerer
Gegen Ende der Fahrt wurde der Zug zum Glück etwas leerer.

Mit unseren Sitznachbarn, die sehr glücklich sind, unsere Bekanntschaft gemacht zu haben, haben wir uns schon angefreundet. Sie gehören irgendeiner bibeltreuen Gemeinschaft an und sind von meinem religiösen Namen ganz entzückt. Ein Abteil weiter sitzt ein Herr, der sich als Professor der Anatomie vorgestellt hat. Anscheinend hat er eine neue Form der Plastination entwickelt. Diese ursprünglich von Gunther von Hagens aus Heidelberg entwickelte Technik, machte ihn mit seiner Ausstellung Körperwelten weltweit bekannt. Sein indischer Kollege rühmt sich nun, durch eine Abwandlung den Patentschutz umgehen zu können und dadurch Präparate viel günstiger plastinieren zu können.

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Das größte Glück für Zugreisende scheint es jedoch zu sein, sich den Platz an der offenen Türe zu sichern. Hier hat man beste Sicht nach draußen, immer frische Luft und man kann sich waghalsig herauslehnen. Alles in Allem spiegelt das Leben hier im Wagon die ganze bunte Vielfalt des Landes wieder. Es ist alt, dreckig, muffig, chaotisch, mitunter etwas laut, aber immer freundlich und eine positive Stimmung. Schon alleine deshalb gehört eine Zugfahrt wohl zu jeder gelungenen Indienreise dazu.

Die vergangene Woche haben wir den Bundesstaat Kanataka durchquert. Nach der Entspannung in Kerala stürzten wir uns gut erholt in das Abenteuer. Von Alleppey fuhren wir mit dem Taxi zum nächsten Flughafen in Cochi, um in die IT-Metropole Indiens – Bangalore – zu fliegen. Eine bis eine Stunde 15 Minuten sollte die Fahrt laut unserem Fahrer dauern. Nach über einer Stunde Fahrt erkundigte ich mich bei ihm, ob wir bald da seien. Immerhin waren es keine zwei Stunden mehr bis zum Abflug. Seine Versicherung, in einer halben Stunde am Flughafen zu sein, konnte uns nur mäßig beruhigen. Schließlich erreichten wir nach über zwei Stunden Fahrt den Check-in-Schalter – fünf Minuten bevor dieser schloss.

Dabei waren wir uns noch in Alleppey unschlüssig, ob wir den bereits aus Deutschland gebuchten Flug überhaupt antreten sollten. Von Bangalore besteht nämlich die beste Verbindung um nach Hampi zu kommen: der Hampi-Express, ein Nachtzug. Dieser Zug war schon lange ausgebucht, so blieb uns nur noch die Möglichkeit, uns auf die Warteliste setzen zu lassen. Das Eisenbahnsystem in Indien ist genauso chaotisch wie das Land selbst. Es gibt unzählige Reiseklassen (1.-3. Klasse mit Klima, Schlafwagen ohne, Sitzwagons und noch weitere die ich gar nicht kenne) und ebenso viele Möglichkeiten an ein Zugticket zu kommen. Die Modernste ist natürlich die Onlinebuchung, was aber nur zu bestimmten Uhrzeiten möglich ist. Eine tolle Idee ist das Taktalsystem, was soviel wie Notfall bedeutet. Einen Tag vor Abfahrt des Zuges hat man ab zehn Uhr die Möglichkeit gegen eine kleine Gebühr Nottickets zu besorgen. Dies hatten wir auch in Alleppey vor, nachdem wir uns immer noch auf der Warteliste befanden.

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Am Schalter vor dem Bahnhof reihten wir uns in die die Schlange von gut 10 Indern ein. Bis wir endlich an der Reihe waren, mussten wir allerdings gut 30 Minuten warten. Dies ist die andere Seite eines unglaublich ineffizienten Fahrkartensystems. Um ein Ticket zu kaufen, muss man genau wissen in welchem Zug man möchte: Zugnummer, Abfahrts- und Ankunftsstation sowie  Klasse. Dies muss man dann, mit seinen persönlichen Angaben, in ein Papierformular eintragen und damit das Ticket „beantragen“. Entsprechend länger dauert die Prozedur, wenn man nicht weiß, welche Zugverbindungen überhaupt bestehen. Das Resultat dieses Besuchs in der stickigen Tickethalle war, dass weder ein Taktalticket für den Zug nach Hampi zur Verfügung stand, noch ein Ticket von Alleppey die Küste entlang nach Norden, was unser Alternativplan war. Also entschieden wir uns, mit einem Funken Hoffnung auf einen Platz im Zug, mit dem Taxi wie beschrieben Richtung Flughafen zu begeben.

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In Bangalore gelandet, checkten wir online sofort den Status der Warteliste. Dümmer hätte das Ergebnis ca. viereinhalb Stunden vor Abfahrt nicht sein können: Ein bestätigter Platz im Schlafwagen und ein Ticket in der Warteschlange. Angeblich kann man nur bis 4 Stunden vor Abfahrt nachrücken. Unser dritter Alternativplan war es, in Bangalore zu übernachten und am nächsten Tag direkt nach Goa zu fliegen. Dennoch beschlossen wir die Tickets nicht zu stornieren und auf gut Glück zum Bahnhof zu fahren. Dort angekommen war die Überraschung groß: Nun hatten wir tatsächlich zwei gültige Zugtickets. Richtig freuen konnten wir uns im ersten Moment jedoch nicht. Hatten wir uns doch schon auf das gemütliche Bett im Hotel und einen aufregenden Tag in dem sehr westlich wirkenden Metropole gefreut. Dennoch traten wir die Fahrt an. In einem privaten Zweierabteil mit zwei Pritschen verbrachten wir die Nacht und erreichten am nächsten Morgen Hospet, das Städtchen kurz vor Hampi.

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In Hampi angekommen, waren wir froh, all die Strapazen auf uns genommen zu haben. Ähnlich wie in Guillin in China, findet man sich in einer surrealen bezaubernden Landschaft wieder. Es wirkt fast, als wäre man auf einem anderen Planeten. Auf 26 km² erstreckt sich ein Gebiet von unzähligen Tempelruinen. Diese sind eingebettet in eine Landschaft aus Bananen- und Reisfeldern, vielen Palmen und den charakteristischen Felsbrocken. Die Freundin die uns Hampi ans Herz legte, fand die Worte, die das Einzigartige am besten beschreiben: „Es wirkt als hätten die Götter die Felsbrocken wie Bauklötze in der Landschaft verteilt.“ Diese Bauklötze findet man in den bizarrsten Formationen vor.

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Nach eineinhalb Tagen in Hampi, fuhren wir mit dem Auto sieben Stunden nach Westen zurück ans Meer. Unsere letzte große Station war der Traumstrand von Gokarna. Fernab vom Massentourismus ließen wir uns zum Abschluss für drei Nächte in dieser Bucht voller Magie nieder. Obwohl es mitunter etwas befremdlich ist, sein Handtuchliegeplatz nicht gegen Europäer anderer Nationen, sondern gegen heilige Kühe verteidigen zu müssen, gewöhnt man sich sehr schnell an deren Anwesenheit.

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Letztlich war dieser wunderbare Ort der perfekte Abschluss einer außergewöhnlichen Reise, auf der mir unheimlich viele nette Menschen, unterschiedlichster Herkunft begegnet sind. Egal ob es die Einheimischen waren oder andere Weltenbummler. Entgegen aller Warnungen und Befürchtungen im Vorfeld, erfuhr ich durchgehend echte Herzlichkeit (abgesehen davon, dass man als Ausländer immer etwas mehr zahlen muss (-;) und wähnte mich nie in Gefahr. Dies, gemeinsamen mit den tollen Landschaften und den Einblicken in fremde Kulturen sind einzigartige Erfahrungen, die mich dankbar und um einiges reicher zurückreisen lassen. Schließlich bleibt mir noch, mich bei alle den netten Rückmeldungen zu bedanken und hoffe Euch auf unterhaltsame Weise und mit bunten Eindrücken von meinen Erlebnissen berichtet zu haben. Morgen Abend werde ich wieder im kalten Deutschland landen und am Montag beginnt direkt der Alltag in der Klinik.

Wenn das nicht mal der größte Kulturschock von allen wird! (-:

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