Fahrt Guangzhou & Tage 1-2

Nach einer Woche in Wuhan, machte ich mich mich gestern am Vormittag mit der Gruppe auf den Weg nach Guangzhou (ehemals Kanton) in Südchina. Wir wurden von einem Shuttle am Hotel abgeholt und zum neuen Schnellbahnhof von Wuhan gebracht. Das Gebäude sieht eher aus wie ein Flughafen und auch der Check-in funktioniert ähnlich. Mit über 300 km/h raste der CRH durch tolle Landschaften. Erste Verwirrungen gab es, als wir in Guangzhou Nord einfuhren. Beim Fahrkartenkauf in Wuhan hatte ich mit der Mitarbeiterin des Exchange Office vereinbart Guangzhou Nord anzufahren. Die Mädels erkannten jedoch auf der Fahrkarte das Ziel Guangzhou Süd . Da die Mitarbeiterin ein Foto dieser Karte nach Guangzhou geschickt hatte, entschieden wir uns bis zur nächsten Haltestelle zu fahren. Wahrscheinlich hatte die Mitarbeiterin beim zweiten Fahrkartenkauf (siehe letzter Blog) den Zielbahhof verstauscht… In Guangzhou Süd angekommen, hofften wir von irgendwem in Empfang genommen zu werden. Als uns dort allerdings niemand erwartete, war die Verunsicherung groß. In Wuhan hatte man es auch nicht fertig gebracht uns eine Adresse oder Telefonnummer für unser Ziel zu nennen. Umso mehr waren wir erleichtert, als plötzlich eine nette, dynamische Dame vor uns stand. Sie stellte sich als Dr. Zhou, unsere Betreuererin und TCM-Ärztin vor. Als sie uns promt erklärte was sie mit uns die kommenden zwei Wochen vor hat, uns einen Stundenplan, einen Stadtplan sowie einen selbst geplanten Campusplan aushändigte, ahnten wir alle, dass es ab sofort strukturierter ablaufen wird.

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Genauso fiel der erste Eindruck der Stadt aus. Es scheint als würde es hier wesentlich strukturierter und gesitteter zu gehen als im chaotischen Wuhan. Aber vielleicht trügt der Schein ja. Die ca.13 Millionen Einwohner große Metropole liegt in der Nähe von Hongkong und ist seit jeher eine wichtige chinesische Handelsstadt mit einer beeindruckenden Skyline.

Auf dem Campus angekommen, wurden wir von Dr. Zhou direkt zu unserer Unterkunft gebracht und anschließend zum Abendessen eingeladen. Da im benachbarten Hotel leider alle Zimmer belegt waren, wurden wir im Schwesternwohnheim einquartiert. Die Zimmer hier sind wirklich sehr spartanisch und das Bett sogar noch haerter als in der Kungfu Schule. Leider gibt es auf den Zimmern auch keinen Internet Zugang, was das bloggen, insbesondere das Bilder Hochladen schwierig macht. Bislang habe ich noch keinen Möglichkeit auf dem Campus gefunden, werde morgen mein Glück aber in einem Internetcafe versuchen.

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Campussee
See auf dem Campus

Am Montag Morgen begann die Famulatur im Jinan University Hospital. Wir wurden wiederum vom Frau Zhou empfangen, durch das Krankenhaus geführt und wichtigen Personen vorgestellt. Außerdem hat sie mit uns sämtliche organisatorischen Aufgaben abgearbeitet. So blieb uns am Ende nur noch Zeit für eine Visite von drei Patienten. Da man auch hier großen Wert auf eine erfolgreiche Mittagspause zu legen scheint, durften wir uns im Anschluss für drei Stunden vom doch so anstrengenden Vormittag erholen.

Für den Nachmittag verabredeten wir uns in einem Seminarraum. Hier hielt sie für die Gruppe eine zweistündige Einführungsvorlesung in die traditionelle chinesische Medizin. Ich habe in Deutschland schon von vielen Seiten Berichte gehört, dass die Chinesen die TCM sehr unreflektiert und oberflächlich anwenden. Zwar denken die Meisten, man würde gerade hier die wahre TCM (die es so leider gar nicht mehr gibt) finden, genau das Gegenteil scheint nach meinen Vorerfahrungen aber der Fall zu sein. So hat nicht zuletzt die Kulturrevolution dafür gesorgt, dass ein erheblicher Teil des alten Wissens für immer vernichtet wurde. Was uns bleibt, sind nicht mehr als Fetzen, die es mühsam zusammen zu tragen gilt. In der für Chinesen typischen Manier soll die Chinesische Medizin also sehr pragmatisch angewandt werden. Ob dies wirklich der Fall ist und ob dies gerade auch auf eine TCM Universität zutrifft, möchte ich die nächsten Tage beobachten. In ihrem Vortrag hat Frau Dr. Zhou die Theorie jedenfalls sehr vereinfacht dargestellt. Nun kann ich nicht beurteilen, ob sie dies aus didaktischen Gründen tat (um die Gruppe nicht zu überfordern) oder ob das medizinische Handeln tatsächlich auf diesen einfachen Modellen basiert.

Der heutige Morgen begann für die Gruppe mit einer Einladung von Frau Zhou zum Morning Tea in einem Restaurant auf dem Campus. Wie sie uns berichtete, ist dies eine beliebte Beschäftigung für Rentner um Ihre sozialen Kontakte zu pflegen. Wir freuten uns jedoch über die Gelegenheit typische kantonesische Frühstücksleckereien zu testen. Mit gut gefülltem Magen starteten wir in unseren zweiten Kliniktag. In Kleingruppen sollten wir Frau Dr. Hu, einer Kolleginnen von Dr. Zhou, folgen. Als die Ärztin von meinen Vorkenntnissen erfuhr, durfte ich sie auch gleich beim akupunktieren unterstützen. Dabei fiel mir ein weiterer Unterschied auf: die Nadeln sind riesig! Dementsprechend tief werden sie auch in das Gewebe geschoben. Getreu dem Motto: je tiefer um so wirkungsvoller. Kombiniert wird das Ganze dann in jedem Fall mit Strom. Wichtig ist dabei auch, sich die genaue Anzahl der Nadeln und die Zeit zu merken. Dies spiegelt eine weitere typische Facette der chinesischen Mentalität wieder: Die Chinesen sind absolute Kontrollfreaks. Es wird einfach alles geprüft und nachgezählt. Das fängt beim Wechselgeld beim Einkaufen an, geht über wichtige Dokumente die natürlich auch korrekt ausgefüllt sein müssen und hört eben bei der Akupunktur auf. Nicht dass versehentlich eine Nadel im Patient stecken bleibt oder der Patient nicht die vollen 30 Minuten den Strom genießen durfte. Da die Patienten das in der Regel selbst zahlen, wollen sie auch auf ihre Kosten kommen.

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Am Nachmittag folgte eine weitere Theorieeinheit. Diesmal ging es um die Leitbahnen und Akupunkturpunkte. Wie nicht anders zu erwarten mit typisch chinesischer Didaktik. Eine reine Aneinanderreihung von Fakten ohne tiefere Erläuterungen.

Den Abend nutze ich dann, um den behüteten Campus zu verlassen und machte zum ersten Mal einen Streifzug durch die Megacity. Nach einem Regenschauer heute Nachmittag hat es sich (wahrscheinlich das erste mal seit dem ich in China bin) angenehm auf unter 30 Grad abgekühlt. Es macht mir riesig Spaß, mit der Metro oder dem Bus irgendwo hin zu fahren und dann stundenlang durch die Stadt zu laufen. Egal ob in Wuhan bei über 40 Grad oder hier am Abend. Man weiß nie was einen hinter der nächsten Kreuzung erwartet. Ein modernes Hochhaus, eine bunte Einkaufsstraße mit Garküchen und exotischen Gerüchen oder einfach nur eine alte Wohnstraße mit ihren Bewohnern, die neugierig aber immer freundlich auf den langnasigen Fremdling reagieren. Meine Kamera habe ich dabei natürlich stets griffbereit um die Eindrücke einzufangen.

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Um in die Innenstadt zu kommen wählte ich wegen der Rushhour heute die Metro. Wie ich erst im Nachhinein erfahren habe, ist heute zudem chinesischer Valentinstag. Dies mag die Erklärungen dafür sein, dass an der Umsteigestation Unmengen von Menschen unterwegs waren. Um vom einen Gleis zum anderen zu kommen,  habe ich bestimmt 20 Minuten benötigt (Bild folgt). Aber auch in der Innenstadt waren massenweise Leute unterwegs. Sämtliche Restaurants waren mit verliebten Pärchen belegt und auf den Straßen wurde blinkende Plastikrosen und grelle Blumensträuße verkauft.

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2 Kommentare


  1. ·

    Hi,
    super, sehr nahe Berichterstattung.
    Dein Internetproblem kannst du bei McDonalds oder Starbucks lösen.
    Grüße
    Anja

    Antworten
  2. admin
    ·

    Hi Anja,

    Danke für den Tipp! Starbucks hatte ich auch schon versucht. Dort ist aber das WiFi defekt. Jetzt habe ich aber eine Mall gefunden und die beste Verbindung seit meinem Abflug! (-;

    glg Johannes

    Antworten

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