Guangzhou Tage 8-11

Ich bin jetzt bereits einen Monat in China und ich habe schon wahnsinnig viel erlebt. Durch den Kontakt zu so vielen Menschen, bekomme ich mehr und mehr einen Eindruck von diesem Land. Bevor ich in Peking ankam, entsprach mein Chinabild dem einer völlig fremden und faszinierenden Kultur. Nach kurzer Zeit stellte ich jedoch fest, dass es doch sehr viele Parallelen zu uns gibt. Gerade die junge Generation scheint genau das machen zu wollen, wie im der Rest der Welt auch. So langsam bekomme ich allerdings das Gefühl etwas hinter die Fassade blicken zu können. Daher möchte ich meine sechsstündige Busfahrt dafür nutzen im heutigen Blog verschiedene Facetten zu beleuchten. Wem meine Ausführungen zu lange sind muss ja nicht bis zum Ende lesen! (-:

Nach knapp 2 Wochen in Guangzhou, kehre ich dieser Megacity nun zum ersten mal den Rücken und mache mich für ein verlängertes Wochenende auf nach Yangshuo bei Guilin. Hier soll es eine der schönsten Landschaften Chinas geben. Nach Guangzhou werde noch zweimal zurückkehren. Allerdings nur zur Durchreise. Das erste mal am Montag, um von dort den Schnellzug nach Wuhan zu nehmen. Ja, ich habe ein Ticket nach Wuhan bekommen. Es war schon eine kleine Odyssee. Ein Sitzplatz für die direkte Verbindung nach Wuhan war leider nicht mehr zu ergattern. Weder die Option die 12 Stunden Fahrt im Stehen zu verbringen, noch die, kurzfristig auf gut Glück ein passendes Ticket zu bekommen, erschienen mir erstrebenswert. Daher werde ich zunächst die Strecke mit dem Bus wieder zurück nach Guangzhou fahren, und von dort weiter mit dem Schnellzug. Das dritte Mal werde ich zum Abflug nach Delhi nach Guangzhou reisen müssen.

Meine Zeit in dieser Stadt war sehr aufregend und interessant. Genauso froh bin ich aber darüber sie jetzt verlassen zu dürfen. Wie bei der Anreise bereits befürchtet, hat der erste Schein etwas getrügt. Zwar gibt es – z.B. im Viertel der Universität – sehr moderne Gegenden, aber genauso tobt im nächsten Block wieder das Chaos. So sehr mich gerade dieses Chaos in seine Bann zieht, so anstrengend wird es auf die Dauer. Die Anreise „in die Stadt“ kann schon mal 1,5 Stunden dauern. Die Straßen sind verstopft. Trotzdem fließt der Verkehr – irgendwie. Die Autos und Busse bahnen sich ihren Weg. Linke Spur, rechte Spur, kurz bremsen, dann ab durch die Mitte, der Rollerfahrer weicht schnell aus, das andere Auto bremst und natürlich immer schön auf die Hupe. Meistens geht alles gut. Für deutsche Verhältnisse ist dies unvorstellbar. Trotzdem, bei dieser Masse sieht man gerade im Krankenhaus, dass es manchmal nicht mehr reicht. So wie bei einer jungen Frau Anfang zwanzig. Sie liegt momentan auf der Intensivstation. Die rechte Gehirnhälfte entfernt, die Kopfhaut wieder darüber genäht. Man sieht also auf der einen Seite nichts, auf der anderen Seite eine riesige Höhle. So ein Fall scheint hier aber auch kein Drama zu sein. Es gehört wohl dazu. Oder da ist der Fall eines jungen Fabrikarbeiters. Auch Anfang Zwanzig nach einem Starkstromunfall auf der Arbeit. Er wurde vor Ort wiederbelebt und hat nun einen hochgradigen Hirnschaden. Die Firma wird wohl noch ein paar Monate für die Behandlungskosten aufkommen. Wenn wie erwartungsgemäß der Therapieerfolg ausbleibt, bekommt die Familie eine lächerliche Abfindung und die Sache ist gegessen. Generell scheint man den Eindruck zu haben, die Chinesen nehmen ihre Diagnosen – und sind sie noch so schlimm – recht locker hin. Vielleicht zeigen sie jedoch ihre Gefühle einfach nur nicht.

Bösartige Diagnosen findet man in einem chinesischen Krankenhaus überdurchschnittlich häufig. Neben dem hohen Nikotin- und Alkoholkonsum, liegt das bestimmt auch daran, dass es der Bevölkerung oft an Geld fehlt, bei kleinen Beschwerden zum Arzt zu gehen. Erst wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist, begibt man sich in ein Krankenhaus. Wenn man aber erst einmal dort ist, ist man auch anspruchsvoll. Arzt-sein in einem chinesischen Krankenhaus ist nicht einfach. Da kommt es schon mal vor, dass man von Patienten angeschrien und beschimpft wird, wenn dem Patienten was nicht passt. Hüten muss sich der chinesische Arzt vor Behandlungsfehlern. Führt dies im Westen immer häufiger zu einem juristischen Nachspiel, tragen die Chinesen dies lieber offen aus. Da kann es schon mal vorkommen, dass statt dem nächsten Patienten, ein Schlägertrupp im Wartezimmer steht um für Gerechtigkeit zu sorgen. Selbst von Morden ist uns berichtet worden!

Erschreckend finde ich auch die Tatsache, dass immer wieder männliche Babys von der Säuglingsstation geklaut werden. Egal wo man in China hinkommt, gibt es einen Wachposten. Diese Wachmänner scheinen ihren Job so zu interpretieren, dass sie einfach anwesend sein müssen, mehr auch nicht. Das ist genauso wie mit den Kameras, die hier überall aufgestellt sind. Sie sind zwar da, wohl aber meistens aus. Nicht so auf der Säuglingsstation. Mir wurde berichtet, dass es strenge Kontrollen gibt, wer mit welchem Baby die Station verlässt. Nach wie vor es es der Wunsch einen männlichen Nachwuchs zu haben. Bei der Einkindpolitik ist das Risiko groß, doch ein Mädchen zu bekommen. Was liegt also näher, sich einfach einen Jungen aus dem Krankenhaus zu besorgen. Andererseits überlegen sich die Familien bei kranken Mädchen, ob sie die u.U. lebensrettende Therapie durchführen lassen und somit auch bezahlen müssen. Daher wundert es kaum, dass die Frühchenstation v.a. mit Jungen belegt ist.

Wie bereits angekündigt, wurde mir für diese Woche kurzerhand angeboten, in eine, der Uniklinik angegliederten Rehaklinik, zu gehen. Man hat mir berichtet ich wäre der erste Ausländer, der diese jemals betreten hätte. Dies lasst vielleicht erahnen, welche Mühe man sich bei der Präsentation der Einrichtung gegeben hat.

Am Morgen ging es jeweils mit einer Frühbesprechung los. Hierzu versammelte sich die komplette Belegschaft in einem stickigen Raum. Zunächst fand eine Art Patientenübergabe statt, gefolgt von einem Vortrag. Am ersten Tag hielt der Chef eine eindringliche Rede, am zweiten stellte ein Arzt verschiedene Fälle vor. Die ganze Prozedur, die alle im Stehen bewältigen mussten, zog sich jeweils eineinhalb Stunden hin! Aber nicht nur ich hatte Schwierigkeiten meine Augen offen zu halten (-:. Erst dachte ich dies wäre nur Montags so lange, aber als es sich am Dienstag wiederholte, entschied ich mich am Mittwoch eine Stunde später zu kommen. Dumm nur, dass ich gebeten wurde den Mittwochsvortrag zu halten! Aber dazu später mehr.

Diesen Zettel habe ich auf dem Schreibtisch des Assistenzarztes entdeckt (-;
Diesen Zettel habe ich auf dem Schreibtisch des Assistenzarztes entdeckt (-;

Nach einer kurzen Einführung in die Klinik wurde ich von einem jungen Assistenzarzt über die Stationen geführt. Anschließend wurde ich gefragt, ob ich momentan Beschwerden hätte und Lust hätte einige Therapien auszuprobieren. Wie passend, dass ich am Montag vom Rucksackschleppen und meinem harten Bett tatsächlich leichte Rückenprobleme hatte. Stolz präsentierten Sie mir ihre Therapieabteilung und begannen voller Tatendrang mit einer Elektrotherapie. Die Kern der Abteilung ist ein großer Therapiesaal mit vielen Liegen und Geräten. Hier finden alle möglichen Behandlungen „öffentlich“ statt. Die Ausstattung ist typisch Chinesisch: Alte Bänke und altes Equipment gepaart mit super modernen Geräten. So haben sie z.B. für die Ergotherapie eine Spielekonsole mit Kameraerkennung und Therapieprogrammen entwickeln lassen. Der Patient steht auf einer Plattform, wird von der Kamera erkannt und seine Bewegungen werden auf einem großen Bildschrim wieder gegeben. Dabei gilt es dann verschiedene Aufgaben von Skifahren über fallendes Obst fangen oder Bällen ausweichen, zu bewältigen.

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Im Anschluss an meine Elektrotherapie wurde ich dem leitenden Physiotherapeuten vorgestellt. Nach einer kurzen Untersuchung (Ergebnis: es ist nichts schlimmes nur muskulär (-:) hat er mich erst auf dem Tisch aus einer Mischung von chinesischen und westlichen Techniken behandelt, anschließend ein Kinesio Tape verpasst und natürlich – wie es sich für eine gute Therapie gehört – mir noch Hausaufgaben gegeben. Den Rest des Vormittags habe ich ihn bei seinen Behandlungen verfolgt. Das was er mit den Patienten gemacht hat, egal ob Neurobehandlung, Manual- oder Skoliosetherapie war überraschend gut. Auch seine belegten Fortbildungen entsprechen dem deutschen Standard.

Mittagspause
Mittagspause

Am Nachmittag kam der Chef der TCM Abteilung der Uniklinik vorbei, um Patienten zu behandeln und die Belegschaft weiterzubilden. Die Chinesen nennen ja jeden Professor einen bekannten Meister seines Faches. Durch die Art wie er die Patienten untersucht und behandelt hat, hatte ich bei ihm tatsächlich den Eindruck, zum ersten Mal wirklich einem Könner gegenüber zustehen. Die erste Patientin war eine stark übergewichtiges Mädchen. Die Spezialbehandlung besteht darin, chirurgische, resorbierbare Fäden in verschiedene Akupunkturpunkte zu schieben. Anscheinend war sie zum zweiten Mal da und hatte 4 Kg innerhalb einer Woche abgenommen. Sehr beeindruckend war auch die Behandlung einer Frau mit Unterleibsbeschwerden. Nach einer weiteren Spezieltechnick von ihm, war sie komplett Schmerzfrei und er konnte im Gegensatz zu vorher ohne Probleme tief in den Unterleib drücken. Bei dieser Technik werden die Nadeln nur durch die Haut gesteckt, dann um 90° gedreht und komplett parallel zur Haut eingeschoben. Natürlich haben sie dem Arzt sofort von meinen Rückenbeschwerden erzählt worauf er mir auch 4 Nadeln gesetzt hat. Seitdem waren die Schmerzen weg. (-;

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Die Expertin die jeweils Dienstags die Klinik beglückt, ist Dr. Hu, mit der ich bereits vergangene Woche über die Stationen gelaufen bin. Mittwochs kommt dafür ein wahrer Meister der Tuina (chinesische Manuelle Therapie) Behandlung. Darauf war ich ja sehr gespannt. Das erste, was jedoch ich an diesem Tag sah, war eine Wachstherapie. Hierbei bekommt eine Patientin mit einer alten Unterarmfraktur eine halbe Stunde lang heißes Wachs, Schicht für Schicht, aufgepinselt. Anschließend machte sich der Meister daran seine Patienten und auch seine Jünger zu beglücken. Sehr schnell war mir allerdings klar, dass dieser Meister eher eine guter „Knochenbrecher“ ist. Aber den Chinesen gefällt so was ja! Selbstherrlich beugt er sich über seine Opfer und die Schüler stehen neugierig neben dran um jeden Schritt zu notieren. Bereits zu diesem Zeitpunkt ahnte ich was nun folgen sollte: das nächste Opfer war die Langnase mit den Rückenschmerzen vom Montag! Ich habe die Tortur jedoch gut überstanden.

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Zum generellen Tagesablauf lässt sich feststellen, dass Therapeuten sehr häufig nichts zu tun hatten und dann bei anderen hospitierten oder eben ewige Besprechungen gehalten wurden, Effektiv gearbeitet wurde aber nicht so viel. Was meine Lektionen angeht, wurde immer so getan als hätte ich gar keine Ahnung. Mir wurden also lauter Basics erklärt und ich habe immer schön dazu genickt. Das ganze kam dazu immer etwas förmlich und gestellt daher. Andererseits wollten sie von mir im Gegenzug aber auch wieder unterrichtet werden. Wie schon erwähnt wurde ich gebeten in der Morgenbesprechung eine Powerpoint Präsentation über das Deutsche Rehabililtationswesen zu halten. Meine englischen Folien wurden dazu extra ins Chinesische übersetzt. Eigentlich habe ich jedoch mehr Bilder über Deutschland und Klinikeinrichtungen gezeigt (-; Im Anschluss wurde ich gebeten wieder zu kommen um weitere Vorträge zu halten und am Besten noch ein internationales Austauschprogramm zu initiieren.

In einer anderen Situation wurde ich gebeten Ihnen zu zeigen, wie ich einen Schlaganfallpatienten behandeln würde. Meine Anmerkung, dass ich das seit über sechs Jahren nicht mehr getan hätte, störte sie wenig. So habe ich meine rudimentärem Kenntnisse präsentiert. Auch hier wurde deutlich, dass sie theoretisch gar nicht so schlecht sind, es häufig allerdings am Verständnis für das Ziel der Behandlung mangelt. Der Patient jedenfalls war extrem happy. Eine Behandlung ohne Schmerzen war für ihn neu und auch, dass ich ihn hierdurch aus seiner Spastik befreien konnte, freute ihn umso mehr. In gleicher Weise verhält es sich mit der Tuinabehandlung. Wie die Wilden versuchen sie ihre Techniken zu perfektionieren, wenn man dann aber selbst als Patient da liegt, merkt man bei vielen, dass sie kein Gefühl für diese entwickelt haben.

Alles in Allem war es aber eine sehr schöne und interessante Zeit in der Klinik